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Mike B. aus Rapperswil auf dem Weg zum höchsten Gipfel Europas, dem Mont Blanc.
Interview: Richard Lins
Wieso wurdest ausgerechnet du als Botschafter für die Liebesrevolutions-Tage ausgewählt? Du bist ja nicht der typische Flower-Power-Typ.
Das müssen sie die Organisatoren fragen. Vielleicht hat dies mit meiner persönlichen Geschichte zu tun.
Wie war es, als Pfarrerssohn aufzuwachsen?
Als kleiner Junge war es cool. Wir hatten einen riesigen Garten, ein grosses Pfarrhaus, ich war viel draussen in der Natur. Es war eine schöne Zeit, auch mit meinen Schwestern. Bis dann so mit ca. 7 Jahren, als ich gemerkt habe, dass mir irgendetwas fehlt. Ich hab mich da versteift in irgendwelche Abenteuerbücher und hab mir auch Stories vorgestellt, dass ich Abenteuer erlebe mit Winnetou; er war mein Favorit. Schon damals war der Drang da auszubrechen, einfach abzuhauen und Abenteuer zu erleben. Ich hatte Mühe, meinen Vater zu akzeptieren, weil ich in ihm nicht den starken Mann sah. In der Zeit wurde ich als Pfarrersohn oft gehänselt.
Wie haben sie dich gehänselt?
Als Pfarrerssohn wirst du ein wenig aufgezogen und dann musst du dich beweisen, indem du ein bisschen mehr Schläge austeilst oder ein bisschen härter bist, sei es bei Mutproben, bei kleinen Dummheiten oder auch im Sport.
Warum fandest du Winnetou oder die Indianer so spannend?
Das war eher die Suche nach Abenteuer. Vielleicht suchte ich auch nach Bestätigung und einer inneren Zufriedenheit.
Musstest du als Sohn des Pfarrers in die Kirche gehen? Was hat dir das bedeutet?
Damals gab es von der Kirche aus die Jungschar und Indianerlager, die meiner Abenteuerlust entgegen kamen. Und dann hats auch so Storys von Jesus gegeben, aber um was es letztendlich ging, habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Es war okay, aber dass man mit Gott eine persönliche Beziehung haben kann, war für mich völlig unklar. Ich hab das gar nicht begriffen, auch nie verstanden, was mein Vater wirklich macht. Es hat einfach dazu gehört.
Wie war die Beziehung zu deinen Eltern?
Damals wünschte ich mir mehr Zuneigung von den Eltern. Im Nachhinein sehe ich manches differenzierter. Bei uns als Pfarrersfamilie mit vier Kindern war in dieser Zeit sehr viel Betrieb. Als Jugendlicher hatte ich das Gefühl, dass sich mein Vater eher um die Ausländer und um die Randständigen gekümmert hat als um mich. Heute ist mir klar, dass die Liebe meiner Eltern immer da war, aber ich sie manchmal nicht sehen wollte und sie auch bei den vielen Aufgaben meiner Eltern im Alltag etwas unterging.
Als Jugendlicher kamst du in die Punk-Szene. Wie bist du da hineingerutscht?
Ich wollte anders sein, besser sein und mich nicht anpassen. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, fand ich den Irokesen-Schnitt auch cool. Ich hab damals eine Ausbildung begonnen und bin mehr oder weniger in diese Szene reingerutscht. Ich bin mit diesen Punks herumgehangen, wir dröhnten uns regelmässig mit Alkohol und anderen Drogen zu. Verstärkt wurde das Ganze durch den tödlichen Unfall meiner älteren Schwester.
Hast du zwischendurch noch gearbeitet?
Ja, das ging so irgendwie. Ich kam morgens pünktlich und spätestens um acht Uhr war ich auf dem Klo und hab geschlafen. Eigentlich regelmässig. Es war ein Wunder, dass ich diese Ausbildung durchziehen konnte. Es hat dann mit der ganzen Punk-Szene begonnen, dass wir Drogen konsumierten, in dieser Phase hauptsächlich Marihuana.
Was war eure Lebensphilosophie als Punks?
Mach kaputt, was dich kaputt macht. Es war irgendwie Rebellion gegen die Erwachsenen, nie so werden wie die. Wir hatten generell etwas gegen das Spiessbürgertum. Deshalb fühlte ich mich recht wohl in der Punk-Szene. Allerdings merkte ich bald, dass mir das Ganze bald zu langweilig und zu blöd wurde. Auch nahm alles überhand, besonders das Saufen. Die meisten von meinen Kollegen lebten von der Sozialhilfe und arbeiteten nicht, hingen nur ab und sahen überhaupt keine Perspektiven.
War Gewalt in dieser Phase ein Thema bei euch?
Gewalt war immer präsent, ob mit Rechtsradikalen oder mit Ausländern. Oft war ich in spontane Auseinandersetzungen verwickelt, speziell unter Alkoholeinfluss und als Folge meiner ständigen Provokationen.
Wie erklärst du dir, dass es heute immer brutalere Zwischenfälle mit Jugendlichen gibt?
Ich weiss nicht, ob die Zwischenfälle brutaler sind, aber sie sind sicher häufiger. Cool, stark und respektlos zu sein, steht bei der Jugend ganz oben. Nicht wegen fehlenden Möglichkeiten. Ich denke, dass es an guten Vorbildern bei den Eltern fehlt, an Menschen, die in Jugendliche Zeit investieren und ihnen zeigen, wie man ein richtiger Mann oder eine richtige Frau sein kann, ohne Gewalt auszuüben und ohne übermässigen Alkoholkonsum. Es fehlen bei uns in der Gesellschaft die guten Werte, welche früher einmal vorhanden waren, aber immer mehr verloren gehen.
Wie ging es bei dir weiter?
Nach dem Ende meiner Ausbildung wollte ich raus aus der Punkszene, die mir mittlerweile stupide und langweilig vor kam. Ich suchte nach neuen Menschen und Freunden und landete im Drogenmilieu. Da gings dann richtig zur Sache. Wir konsumierten nur noch harte Drogen, dadurch lebten wir wie in einer unrealen Welt. Da fingen wir an zu träumen, wie viel Geld man machen kann und wie cool man ist und wie schön das Leben zu einem ist.
Wir haben auch zu dealen begonnen, haben von Holland her haufenweise Zeug rüber geschaufelt. Einer hats gefahren und ich habs verteilt. Es wurde so krass, dass meine Kollegen Paranoia gekriegt und sich Waffen besorgt haben. Das wurde mir ein bisschen heiss. Auch die Angst, die sie andauernd hatten. Ich habe da allerdings nicht mehr gearbeitet, ich wurde rausgeschmissen.
Du wurdest aus dem Geschäft geschmissen?
Ja, ich hab die Ausbildung fertiggemacht, dann hab ich mal angefangen bei Mercedes und die haben mich rausgeschmissen. Dann haben wir morgens um 8 Uhr die ersten Linien gezogen, später gings raus auf die Strasse. Wir sind herumgezogen, haben Leute besucht, es war deftig.
Gab es einen Moment, in dem du dachtest, du wollest aus dieser Szene aussteigen und irgendwie etwas anderes, ein anderes Leben, anfangen, oder ging es dort einfach weiter?
Es ging da weiter und wurde eher deftiger. Noch mehr Alkohol, noch mehr Drogen.
Wie hätte man dir von aussen zu diesem Zeitpunkt helfen können, aus dem Teufelskreis auszubrechen?
Ich weiss es nicht so genau. Ich glaube, dass mir damals nur ein Wunder hätte helfen können, obwohl ich manchmal Menschen begegnet bin, die ich sehr achtete und von denen ich doch ein paar gute Dinge mitgenommen habe. Vielleicht hätte damals ein komplett neuer Freundeskreis geholfen. Einen Freundeskreis, in dem ich mich selber hätte sein können und den ich selbst geachtet hätte, was damals allerdings sehr schwer war, weil ich eigentlich nur Verachtung für die Menschen übrig hatte.
Wie erlebtest du deine Familie: Pfarrerssohn, eine Schwester, die ums Leben kam? Wie ging man da miteinander um?
Früher habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht, aber jetzt denke ich, dass mein Vater nach dem Unfalltod meiner Schwester ein gebrochener Mann war. Ihm wurde etwas geraubt und er hatte vielleicht deswegen keine Kraft mehr, in mich zu investieren. Er nagt jetzt noch daran, obwohl es schon über 20 Jahre her ist. Meine Familie war zwar da, sie hätte mich bestimmt auch unterstützt, aber sie war mir eigentlich völlig egal. Heute weiss ich, dass ich meine Familie sehr verletzt habe und sie sich ständig unglaubliche Sorgen um mich machten.
Alkohol und Drogen waren deine ständigen Begleiter. Wenn du heute auf diese Zeit zurückblickst, was für ein Mensch warst du damals?
Sehr unglücklich. Ich habe eher das Gegenteil von dem erhofften Glück oder inneren Frieden gefunden, eher eine riesige Unzufriedenheit. Es grenzte an Selbstzerstörung. In dieser Zeit habe ich einen Ingenieur kennengelernt, und es hat mich fasziniert, wie begeistert er von seinem Beruf war. So entschied ich, mich für die Maschinenbau-Fachhochschule einzuschreiben. Das Studium bestand ich mit Ach und Krach.
Ist dir nach dem Studium die Wende gelungen?
Nicht sofort. Es ging noch über Jahre exzessiv weiter. Mir war unterschwellig immer klar, dass ich etwas ändern sollte. Entscheidend für die Wende war, dass ich von meinem damaligen Freundeskreis wegzog und versuchte ein anderes Leben zu starten.
Mein Schwager und meine Schwester luden mich in dieser Zeit in ein christliches Camp für junge Erwachsene der Rapperswiler Kirche im Prisma ein. Da ich mehr als genug von Abenteuern und typischen "Sauf-Ferien" hatte, stimmte ich zu.
Was war entscheidend für die Wende?
Im Jugendcamp war ich natürlich eher ein Aussenseiter. Ich hatte auch irgendwie keine Ahnung, was ich da eigentlich machte. Ich wurde allerdings sehr freundlich aufgenommen und die Menschen waren mir gegenüber sehr aufgeschlossen. An einem Abend erzählte ein Pastor aus seiner missratenen Jugend. Ich habe mich sofort in ihm wiedererkannt. Das, was er erzählte, das war ich. Er erzählte von der Kälte, von der Mauer, die man um sein Herz habe, dass man diese aufbrechen müsse. Der Input berührte mich tief. Mir wurde klar, dass es Gott irgendwie geben musste. Anschliessend war ich so verwirrt, dass ich nach draussen ging und zu Gott rief, dass er sich mir zeigen soll. Am nächsten Tag hatte ich ein eindrückliches Erlebnis während einer Predigt. Ein unglaubliches Gefühl war in mir. Es war besser als jeder Rausch, den ich jemals hatte. Es war, wie wenn mein Herz explodieren wollte.
Was war der Inhalt der Predigt?
Es ging darum, dass man Gottes geliebtes Kind sei. Ich erkannte, dass Gott mich mit all meinen Fehlern wirklich liebt. Trotz all dem Mist, den ich in der Vergangenheit gebaut hatte. Ich habe die Liebe gespürt. Ich kanns nicht beschreiben, es war unglaublich. Für mich war klar, ich bin endlich angekommen, ich habe endlich mein Zuhause gefunden.
Wo hast du dein Zuhause gefunden?
Bei Gott. Ich habe meinen Vater gefunden. Ich habe mein Leben lang gesucht, ob in Abenteuern, im Sport, im Alkohol oder in der Arbeit. Es war eine ständige Suche nach Erfüllung und Zufriedenheit. Ich habe auf einmal gespürt, dass ich geliebt werde und dass ich so sein darf, wie ich bin. Es ist mir schon vor dem Camp aufgefallen, dass ich wie ein Eisschrank bin. Äusserlich schon fröhlich, aber innerlich absolut kalt. Ich hab nur auf mich geachtet. Jetzt habe ich gemerkt, dass ich das aufbrechen kann. Ich kann andere Meinungen zulassen, etwas in mich hinein lassen, weil ich geliebt werde.
Hattest du nie das Gefühl, du hättest dein Leben verbaut?
Nein, nie. Ich weiss nicht, vielleicht musste es so kommen, dass ich den Draht zu Gott finde. Auf jeden Fall habe ich gemerkt, was ich mein ganzes Leben gesucht habe. Mir wurde bewusst, wie oft Gott mich vor Schlimmem bewahrt hat, wie er mich vorwärtsgeschoben hat, dass ich z.B. nicht wegen den Drogen draufgegangen bin.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du zurück blickst?
Es ist die Freiheit, die ich jetzt auf einmal habe. Nach der ich immer gesucht habe. Gott gibt mir die Freiheit, dass ich nichts mehr brauche. Keine Drogen, keinen Alkohol in grossen Mengen. Der Druck, genügend Geld zu kriegen, ist weg. Natürlich ist auch jetzt nicht alles perfekt. Durch meine Beziehung mit Gott bekam ich aber die Gewissheit, dass mir nichts geschehen kann, wenn ich mit ihm unterwegs bin. Es ist ein wunderbares Gefühl, dass ich jetzt einen zusätzlichen Vater habe.
Suchst du das Abenteuer noch immer?
Bestimmt, ich bin immer noch abenteuerlustig. Ich gehe jetzt einfach anders damit um. Ich suche es schon noch, aber es ist nicht mehr so ein Drang da. Egal wo ich bin, ich bin mit Gott unterwegs und der sagt mir, wos lang geht. Ich bin nie allein und habe eine innere Ruhe. Früher war ich immer getrieben, war nie zufrieden mit dem, was ich hatte. Jetzt habe ich eine Basis.
Du hast zuvor erwähnt, dass du innerlich kalt warst. Was hat sich in dieser Hinsicht verändert?
Das ist das neue Abenteuer, dass ich erlebe. Ich lerne, mein Herz für die Menschen zu öffnen, auch andere Leute bewusst wahrzunehmen, ihre Geschichte und Gefühle kennenzulernen, und ich versuche, anderen zu helfen. Früher waren mir andere egal, da ging es nur um mich. Diese Mauer ist aufgebrochen worden. Mein neues Abenteuer ist, Menschen kennen zu lernen. Ich hatte zuerst Angst, dass ich jetzt als motivierter Christ langweilig werde. Dabei ist es das ganze Leben, dass jetzt spannend ist!
Was ist der Unterschied zwischen Mike früher und heute?
Vor meinem Entscheid war ich immer vollgas jedes Wochenende mit dem Töff unterwegs, wir haben Party gemacht und sind morgens mit drei Promille wieder auf den Töff. Ich war da griesgrämig und fands scheisse, morgens auf den Töff zu hocken. Heute stehe ich mit Freude auf, finde es cool, am Leben zu sein, finde es so genial, dass ich geliebt werde und einen Lebenssinn habe.
Inwieweit bist du beteiligt bei den reLOVEution-Days vom Prisma?
Da ich frisch verheiratet bin, musste ich mich da etwas zurücknehmen. Ich kann den reLOVEution-Event aber allen sehr empfehlen. Vor allem jenen, die nach neuen Perspektiven, nach Zufriedenheit suchen, allen, die unruhig sind und allen, die das Abenteuer suchen. Einer der Referenten, Oliver Schalk, war ein Hooligan in Berlin, einer von der harten Sorte. Sein Leben war bestimmt von Gewalt und Drogen, es war unglaublich schlimm und trist und ausweglos. Seine Geschichte lässt niemanden kalt.
Mich hat sie unglaublich berührt und ermutigt, weitere Schritte zu machen, welche für mein heutiges Leben enorm wertvoll sind.
zum Thema:
Das Ende von Gewalt, Hass und Resignation - "Ich war Hooligan, Skinhead und Neonazi"
moderiert von Reto Pelli [Hauptleiter Prisma Erwachsene]
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Oliver Schalk (1964) wuchs in Ostberlin auf. Er war Mitbegründer der Punkbewegung in der DDR. Sein Leben bestand aus Drogen, Alkohol und Schlägereien. Doch im Tiefpunkt seines Lebens hatte er ein entscheidendes Erlebnis mit Gott, was sein Leben grundlegend veränderte.
Heute ist Oliver Schalk verheiratet und leitet mit einem befreundeten Ehepaar in Berlin die Organisation "Zukunft für dich". Unter anderem setzen sie sich für Hooligans, Drogenabhängige, Prostituierte, Punks, sozialschwache Familien und deren Kids ein.
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